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Inverted Classroom Modell im Grundlagenmodul in der Wirtschaftsinformatik

flipclass modelVor einem Jahr fand die erste deutsche Konferenz ICM 2012 zum Inverted Classroom Model (synonym auch Flipped Classroom) in Marburg statt. Seitdem gab es auch hier zu Lande eine Reihe mutiger Lehrender, die dieses Modell in ihren Lehralltag integriert haben. Einige werden auf der diesjährigen ICM 2013 sicher vorgestellt und diskutiert. Es geht also um Lehren und Lernen im Wandel: Wieviel „Vorlesung“ braucht ein/e Studierende/r im Zeitalter von YouTube, Wikipedia, Facebook und Google noch? Wie können neue Formate (z.B. Inverted Classroom oder Offene Online Kurse) die Lernenden zeitgemäß beim Lernen unterstützen? (Bildquelle)

Das Bologna-Dilemma – Punkte sammeln

Die Bologna-Reform hat in unseren Hochschulen viel in Bewegung und auch positive Veränderung gebracht, insbesondere was Sicherung von Mindestqualitäten und die Transparenz von Lehr-/Lerninhalten angeht. Auch eine adäquate Abschätzung des studentischen Arbeitsaufwandes (Workload) soll jetzt in den Curricula der Bachelor-/Masterstudiengänge berücksichtigt werden. Inhalte, die zu einem gemeinsamen Lehr-/Lernziel beitragen, werden zu Modulen zusammengefasst. Modulprüfungen erbringen die Studierenden studienbegleitend. Soweit die Theorie! Die Praxis sieht jedoch anders aus. Zum Thema „Workload“ und dessen Wahrnehmung, hat sich der Kollege Schulmeister in seiner „Zeitlaststudie“ bereits ausführlich geäußert. Ein anderer Problembereich, der auch dem System geschuldet ist, liegt im eigentlichen Lernen bzw. der Lernkultur die dadurch gefördert wird. Auf der Jagd nach den 30 ECTS-Punkten pro Semester wird oftmals nicht nachhaltig gelernt, sondern Prüfungs-spezifisch selektiert:“Ist das Klausur-relevant, Herr Professor?“ und überhaupt „wie komme ich am effizientesten an meine Punkte?“. Die Lernkultur ist durch dieses System stark prüfungsorientiert und nicht wie ursprünglich geplant Lerner- und Kompetenz-orientiert.

Neues Lernformat – neue Chancen?

Beim Inverted Classroom Model (ICM) werden die Lehr-/Lernaktivitäten in der Weise vertauscht (invertiert), dass das Erschließen der Inhalte nicht mehr gemeinsam in einer Vorlesung geschieht, sondern individuell im Selbststudium im eigenen Lerntempo wann und wo der Lerner es möchte. Die gemeinsame Präsenzveranstaltung kann in diesem Modell mit wertvollen „Mehrwertaktivitäten“ gestaltet werden. Zum Beispiel vertiefen Studierende das Verständnis der Inhalte durch Diskussionen und Fragen im „aktiven Plenum“. Das Wissen kann in Übungen oder Fallstudien angewandt oder auf andere Fragestellungen transferiert werden. Dadurch wird die Kontinuität im Lernprozess gefördert, insbesondere dann, wenn ein Kompetenz-orientierter Leistungsnachweis und nicht eine Klausur den Lernfortschritt dokumentiert. Wenn es gelingt, in der Präsenzveranstaltung einen echten Mehrwert zu schaffen und den Leistungsnachweis nicht von einer Stichtagsprüfung abhängig zu machen, dann sollte damit auch eine Qualitätssteigerung im nachhaltigen Lernen möglich sein.

Grundlagenmodul in der Wirtschaftsinformatik „Vernetzte IT-Systeme“

Im vorliegenden Beispiel geht es um ein Grundlagenmodul im dualen Bachelor-Studiengang Wirtschaftsinformatik (B. Sc.), der sechs Semester umfasst. Im dritten Semester findet das Modul „vernetzte IT-Systeme“ (VIT) statt. In der Modulbeschreibung ist das Qualifikationsziel wie folgt definiert: „Die Studierenden sind mit den grundlegenden Begriffen vernetzter IT-Systeme vertraut und … Sie können den Aufbau heterogener lokaler Netze klassifizieren und selbstständig planen.“ Als Voraussetzung für die Belegung des Moduls ist das Modul „Grundlagen der Informatik“ erfolgreich vorher abgeschlossen. Das Modul VIT selbst dient als Grundlage für weitere Module z.B. „Netzwerkmanagement“, „Netzwerksicherheit“ oder „Web-Engineering“.

VIT-Modulo

Es wurde in den vergangenen Jahren „klassisch“ als seminaristische Vorlesung mit Übung/Praktikum und abschließender Klausur angeboten. Die einzige Besonderheit, die aufgrund des dualen Studiums integriert  war, bestand in der sogenannten Praxisrecherche, ein Arbeits-/Rechercheauftrag, den die Studierenden bereits während ihrer betrieblichen Praxisphase zur Vorbereitung des Moduls erarbeiteten. Der Workload umfasst 5 ECTS-Anrechnungspunkte, also einen Lernaufwand von insgesamt 150 Stunden. Davon waren ca. 60 Stunden Präsenzveranstaltung und 90 Stunden Selbststudium vorgesehen. Die lernortübergreifende Betreuung findet über das Lernmanagement System ILIAS statt. Die Größe der Studiengruppe umfasst typischerweise 25 Studierende.

Neues didaktisches Konzept

Als vorrangiges Ziel einer Integration des ICM war es für uns wichtig, die Qualität und die Nachhaltigkeit im Lernen zu verbessern. Im neuen didaktischen Ansatz sollte also nicht nur die Distribution der Inhalte geändert werden, sondern auch die Präsenzphase gleichen Umfangs und der Leistungsnachweis sinnvoll gestaltet werden. Der Ablauf des Lehr-/Lernszenarios ist in der Abbildung dargestellt. Zu Beginn des Semesters befinden sich die Studierenden noch am Lernort des Betriebes. Sie werden über das LMS in den Kurs „VIT“ eingeladen und bekommen dort ihre Rechercheaufgabe.

didaktisches konzept

Wir haben uns entschieden diese Aufgabe von einer Gruppenaufgabe jetzt auf eine individuelle Aufgabe umzustellen. Jeder Studierender erstellt zum Thema einen Wiki-Beitrag, der gewissen Mindestanforderungen (eigenes Bild, beschreibender Text und Quellen zur Vertiefung) genügen muss.

wiki beispiel

Noch während der Praxisphase bekamen die Studierenden nach erfolgreicher Bearbeitung der Rechercheaufgabe den Zugang zu den Inhalten des ersten Kapitels freigeschaltet. Die Inhalte waren in insgesamt sechs Kapitel unterteilt. Als Lernmaterialien wurden neben der Standardliteratur die Leer/Lehrfoliensätze, Screencasts und Selbsttests angeboten. Die Selbsttests dienten auch zur weiteren Taktung. War ein Selbsttest am Ende eines Kapitels mit 80% erfolgreich abgeschlossen, konnte der Teilnehmer nach eigenem Ermessen mit dem nächsten Kapitel bereits beginnen.

Zur Vorbereitung der Präsenzveranstaltung lag die Anforderung an die Studierenden darin, dass diese jeweils das im Organisationsplan vorgesehene Kapitel selbständig vorbereitet und den Selbsttest erfolgreich abgeschlossen hatten. Interessanterweise hatte ein Drittel der Studierenden bereits vor der ersten Präsenzveranstaltung sämtliche Selbsttests erfolgreich abgeschlossen.

Vorbereitung der Materialien – Videos als Lernnuggets

Screencast VITDie Inhalte des Moduls haben wir mit drei Kollegen (Autor gemeinsam mit M. Meron und F. Schimanke) in sechs Kapitel unterteilt und vorab als Screencasts (Bildschirmaufzeichungen) mit der Videoaufzeichnungssoftware Camtasia Studio von TechSmith vorproduziert. Als Basis dienten uns dabei bereits vorhandene Leer/Lehrfolien, die wir in einem „Frage-Antwortszenario“ zu zweit vor der Kamera vorgestellt und erarbeitet hatten. So kamen insgesamt ca. 45 Lernnuggets in Form von etwa 10minütigen Screencasts zusammen, die wir wie oben beschrieben in das LMS eingestellt haben. Die Produktion war zu unserer eigenen Freude in einem sehr überschaubaren Zeitverhältnis (Videozeit/Produktionszeit ca. 1:2) machbar, wobei hier nicht die Maßgabe des „Perfekten“ entscheidend war, sondern die Authentizität zählte.

Mehrwertveranstaltung „Aktiv-Seminar“

Die wichtigste Herausforderung lag in der Gestaltung der Präsenzveranstaltungen. Wir entschieden uns für ein „Aktiv-Seminar“, das in drei Phasen aufgeteilt war. In der ersten Phase konnten die Studierenden Fragen zu den Lehrmaterialien stellen, die dann gemeinsam erarbeitet und beantwortet wurden. In der zweiten Phase brachte der Dozent eine Fragestellung als Transferbeispiel ein, bei dem es darum ging, dass die Studierenden ihr Wissen in der Praxis anwenden und testen konnten.

aktivseminar

Schließlich diente etwa die halbe Zeit für die dritte Phase, in der die Studierenden in Kleingruppen (vier Studierende) eine Fallstudie (im vorliegenden Fall eine Netzwerkplanung) bearbeiteten. Hier war der Dozent als Auftraggeber und als Berater gefordert.  Das Ergebnis der Fallstudie war eine Netzwerkplanung im Umfang von ca. 30 Seiten, die als Gruppenleistung bewertet wurde. Neben dem Aktiv-Seminar gab es noch Übungsveranstaltungen mit studentischen Übungsleitern und Praktika mit einem Dozenten, um bestimmte Tools und Netzwerkkomponenten kennen zu lernen.

Erfahrungen –  Lessons Learned

Die erste Vorbereitung des gesamten Szenarios war sicher erheblich aufwendiger als in der klassischen Form, hat aber den beteiligten Dozenten Spaß gemacht. Die Aktivitäten im Aktiv-Seminar waren in meiner Studiengruppe jeweils abhängig von der Phase. In der Fragephase hätte ich mir deutlich mehr Fragen zu den Inhalten gewünscht, die dann allerdings in der dritten Phase (Bearbeitung der Fallstudie) teilweise nachgeholt worden sind. Insgesamt waren die Aktiv-Seminare durch fachliche Dialoge geprägt, ganz anders als im klassischen Lehr-/Lernszenario. Die Aktivierung der Studierenden war dadurch über den gesamten Semesterzeitraum sichergestellt.

VIT Evaluation

In der abschließenden Evaluation gab die Mehrheit der Studierenden an, dass das Lernen und Erschließen der Inhalte mit Hilfe von Videos für sie einfacher ist als in der traditionellen Vorlesung. Wenn Sie die Wahl zwischen dem neuen und dem traditionellen Konzept hätten, würden sich ca. 88% der Studierenden für das neue Konzept entscheiden.  Die größte Herausforderung für die Studierenden war die Bearbeitung der Fallstudie. Obwohl dafür mehr als die Hälfte des Aktiv-Seminars zur Verfügung stand, gelang nicht immer der Transfer des Wissens auf die Aufgabenstellung, so dass hier künftig mehr Anleitung in dieser Phase des Studiums (3. Semester) notwendig ist. Wir leiten daraus einen Handlungsbedarf in der Präzisierung der Anleitung und der Darstellung der Zusammenhänge zwischen der Theorie und der praxisnahen Planung ab.

 

#opco12 Game-Based Learning – zwischen didaktischem Anspruch und Spielvergnügen

Nach Einschätzung des Horizon Reports 2012 HE werden die Ansätze von Game-Based Learning (GBL) in den nächsten zwei bis drei Jahren vermehrt  in den Hochschulbereich einfließen – schön wär´s  :-). Klingt skeptisch, ist auch so gemeint, denn um diese Vorhersage Wirklichkeit werden zu lassen, gibt es erhebliche Herausforderungen und einige andere Prioritäten (z.B. ECTS und Bulimie-Lernen) an den Hochschulen.

Reichlich Input – ganz formal und doch so wertvoll 😉

Im Rahmen der opco12 Online-Session waren als Experten Christoph Deeg und Son Le eingeladen über ihre Erfahrungen zu berichten. Für mich sehr lohnenswert die beiden Vorträge und anregenden Diskussionsbeiträge im Chat in der Aufzeichnung zu sehen:

Dank an das fleißige opco12-Team: Aus den Chatbeiträgen der Teilnehmer entstand eine Liste mit vielen interessanten Links.

Chancen des GBL: Ich spiele – also lerne ich!

An dem sehr enthusiastischen Einstieg von Christoph Deeg ist sofort zu erkennen: hier spricht ein bekennender Gamer. Recht hat er, man kann viel abwägen und in theoretischen Konzepten schwelgen, erst die eigene Erfahrung bringt das Erlebnis – Deeg lädt deshalb schon mal zur gamescom 2012 nach Köln ein. Aus seiner Sicht liegen in GBL eine Reihe wertvoller Chancen Lernen attraktiver zu gestalten. Schon die Möglichkeit des spielerischen Umgangs mit verschiedenen Inhalten dient als Einstiegsmotivation. Lernen durch unmittelbares Anwenden in Try-and-Fail-Systemen ist in der Regel informelles Lernen und lebt von der intrinsischen Motivation. Dies bestätigt auch Son Le in seinem Beitrag, in dem er feststellt, dass beim Spielen die Faszination wesentlich größer ist, als z.B. beim Lernen via CBT/WBT. Die hohe intrinsische Motivation erzeugt Flow beim Lernen. Für ihn ist der Idealfall das sogenannte Stealth Learning, also „getarntes Lernen“, der Lerner bemerkt nicht, dass er etwas lernt bzw. das Ziel gehabt hat, etwas zu lernen.

Herausforderungen beim GBL

Das Spielvergnügen hängt zunächst mit der Qualität der Spiele zusammen. Mit digitalen Spielen einen faszinierenden Spielspaß zu erzeugen, bedeutet in der Regel einen extrem hohen Aufwand/Kosten in der Produktion solcher Spiele. Lernspiele die sich stark an didaktischen Konzepten orientieren, sind oftmals nicht mit einem Flow-bringenden Spielspaß verbunden. D.h. sobald digitales GBL zu einer Instrumentalisierung führt, ergibt sich daraus häufig auch eine mehr formale Lernsituation, die wiederum nicht zu den o.g. positiven Effekten führt. Beide Referenten sind sich einig: um einen nachhaltigen Lerneffekt zu erzeugen, also bei der Übertragung des im Spiel Gelernten auf das wahre Leben, ist eine pädagogische Begleitung erforderlich. Ab wann wird dies eigentlich in der pädagogischen Ausbildung berücksichtigt ;-)? Die Akzeptanz von Spielen zu Lernzwecken ist gerade in unserer Gesellschaft noch ausbaufähig, deshalb sind auch die Lernumgebungen (auch die LMS) nur selten Spiele-kompatibel.

Fazit – Balanceakt

Kann man Lernen mit Hilfe von Spielen instrumentalisieren? Sollte man dies tun? In jedem Fall hängt der Erfolg von digitalem GBL von einer geeigneten Balance zwischen dem Vermitteln von Lerninhalten und intrinsisch motivierten Spielfaszination ab. Und genau diese Balance zwischen Spielspaß und Wissensvermittlung gilt es zu finden. Die technische Weiterentwicklung insbesondere mobiler Endgeräte in Verbindung mit Ideen aus der erweiterten Realität (Augmented Reality) sowie dem Storytelling führt bereits zum nächsten Trend, dem Mobile Gaming oder Location Based Gaming in dem sicher auch einiges an Potenzial steckt ohne das der Aufwand gleich in Höhen von Hollywoodbudgets schnellt. Warum gibt es eigentlich in diesem Feld nicht mehr Kollaboration zwischen interessierten Hochschulen im Sinne einer OER-Entwicklung?

#icm2012 – Nachlese zur Inverted Classroom 2012 in Marburg

Wenn eine Tagung (Konferenz und Workshops) Handlungskompetenzen vorbereitet

Am 14./15. Februar fand an der Philipps-Universität Marburg die erste deutsche Konferenz zum „Inverted Classroom“ statt. Eingeladen waren Lehrkräfte aller Schulformen sowie Hochschullehrende, Studierende und Wissenschaftler.

Vorgestellt wurden neue, größtenteils schon erprobte Lehr-/Lernszenarien, die dem Modell des „Flipped Classrooms“ (synonym inverted classroom) folgen. In den Workshops ging es um die Praxis, also zum Beispiel auch darum, wie eine Videoproduktion oder besser eine Screencastproduktion gestaltet werden kann.

Wenn nicht jetzt, wann dann…

Getreu meines Mottos habe ich meine Nachlese in Form eines ersten Screencasts festgehalten und damit meine Handlungskompetenz überprüft ;-).

Nachhaltigkeit ist garantiert, aber Vorsicht ist geboten…

Wohl keiner der Konferenzteilnehmer zweifelt mehr an der Nachhaltigkeit des ICM (inverted classroom model), insbesondere bei den inzwischen zahlreichen Beispielen von Jürgen HandkeJörn Loviscach, Christian Spannagel, Aaron Sams u.v.m., die den Erfolg des neuen Modells eindrucksvoll zeigen. Alle Referenten haben durchaus auch auf die vielschichtigen Probleme bei der Einführung dieser neuen Methode hingewiesen, wobei nicht nur die damit verbundene Mehrarbeit und die Umstellung der Lerner gemeint war, sondern auch das Umfeld, welches ebenfalls durch den Wandel bewegt werden. Wie reagieren Institutionen und insbesondere Kollegen auf den Einsatz solcher Methoden? Was den Lerner betrifft, so hat Christian Spannagel es in seinem Vortrag auf den Punkt gebracht: „There ist no way back!“ …also, Vorsicht ist geboten!

LEARNTEC 2012 – Lernen weltweit vernetzt.

Die LEARNTEC in Karlsruhe vom 31. Januar – 2. Februar feiert in diesem Jahr ihr 20-jähriges Bestehen, mit einem abwechselungsreichen Kongressprogramm unter dem Motto „Lernen weltweit vernetzt“.

Sektion Technology 2: Cloud Learning (31.1., 15 – 18Uhr)

Ich wurde eingeladen über das Thema „Konnektivismus als Lernmodell der Zukunft“ zu sprechen: Die zahlreichen Fundstellen für den Begriff des Konnektivismus sowie damit zusammenhängend das neue Lehr-/Lernformat des “MOOC“ (Mass Open Online Course) belegen, dass sich im Internet-unterstützten kollaborativen Lernen neue Trends abzeichnen. Welches sind die wesentlichen Grundzüge des Konnektivismus? Welchen Einfluß können diese Entwicklungen auf unser Lernen in der Zukunft haben? Wie können diese neuen Instrumente mit klassischen Lernformen kombiniert werden? Wie sieht es mit der Frage der Nachhaltigkeit aus, stellt diese Entwicklung einen vorübergehenden Trend dar oder müssen die klassischen Lerntheorien doch erweitert werden? Der Beitrag zeigt anhand von Beispielen den aktuellen Stand der Entwicklung auf.

 

Show-Down | Blogparade zum #ocwl11

Mit diesem kurzen Beitrag möchte ich nicht nur den Wunsch des fleißigen Gastgebers, Johannes Moskaliuk von der Universität Tübingen unterstützen, sondern auch nochmals ausdrücklich sein hervorragendes Engagement bei der Vorbereitung, Organisation und Durchführung des Open Course Workplace Learning 2011 (kurz: #ocwl11) würdigen.

Beim Show-Down des #ocwl11 geht es um die Beantwortung folgender Leitfragen:

Wie verändern offene Bildungsangebote formales Lernen an Hochschulen und anderen Bildungsinstitutionen?

Zunächst einmal sollte das neue Veranstaltungsformat verschiedene Zielgruppen einbinden und neugierig machen, denn allein die Mischung der Teilnehmer, eben nicht nur Dozent und Studierende, sondern auch Teilnehmer mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen und Motivationen tauschen sich gemeinsam zu wohl vorbereiteten Themen aus. Für die Studierenden ist es sicher größtenteils weiterhin auch eine formale Lernsituation, während andere Teilnehmer sich informell-lernend beteiligen. Vielleicht ergibt sich aus der Wechselwirkung der unterschiedlichen Motivationen, intrinsisch/extrinsisch, ein positiver Effekt für das Lernen.

Sind offene Bildungsangebote die Lösung für die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis?

Offene Bildungsangebote dieser Art sind sicher nicht die (!) Lösung für die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis, aber sie stellen einen weiteren guten, zeitgemäßen Ansatz dar (z.B. neben dualen oder berufsbegleitenden Ausbildungs-/Studiengängen), der alle Vorteile des Netzes nutzen kann (vgl. vorherigen Blogbeitrag). Durch den Austausch zwischen Studierenden und anderen Teilnehmern aus der Praxis besteht die Möglichkeit, dass von der Praxis Impulse in die Theorie und umgekehrt gegeben werden. Letztlich muß die Evaluation solcher Angebote zeigen, ob diese und andere Erwartungen erfüllt wurden.

Wie kann die Teilnahme an offenen Bildungsangeboten zertifiziert werden? Muss Sie das überhaupt?

Zielführend bleibt hier die Frage: braucht der Teilnehmer ein Zertifikat, z.B. für den Nachweis einer bestimmten Berufsbefähigung – dann sollte es eines geben. Die Akkreditierung/Zertifizierung ist eine Herausforderung, aber machbar, insbesondere auch vor dem Hintergrund der Anrechnungsmöglichkeiten von außerhalb der Hochschulen erworbenen beruflichen Kompetenzen, sowie der Entwicklung zur „Offene Hochschule“ mit den neuen Zugangsmöglichkeiten. Allerdings würde ich mir hier mehr Engagement der Bildungseinrichtungen, insbesondere der Hochschulen wünschen – Förderung von e-Bologna ist dringend erforderlich. Der eigentliche Nachweis wäre beispielsweise über Blogbeiträge oder E-Portfolio angemessen, d.h. für beide Seiten mit vernünftigem Aufwand realisierbar.

Wer finanziert offene Bildungsangebote?

Jede Institution, die sich durch die Öffnung geschlossener Angebote hin zu offenen Bildungsangeboten und solchen hybriden wie im vorliegenden Fall einen echten Mehrwert verspricht. Dabei sehe ich weniger das Problem der Kosten im Bereich der Technik als vielmehr im vielfach unterschätzten Personaleinsatz/engagement. Wenn in naher Zukunft das Bezahlen im Internet, speziell Micropayment, noch einfacher wird, könnte sicher auch der einzelne Teilnehmer ein Interesse an der Mitfinanzierung haben, vorausgesetzt die Qualität stimmt.

Was fehlt Ihnen beim #ocwl11?

Die Zeit ;-). – die wiederum eine entsprechende Planung erfordert. Planung ist nur möglich, wenn rechtzeitig ein solches Angebot bekannt ist. Während sich der Kenner (early adopter) z.B. auf die von Downes und Siemens jährlich wiederkehrenden CCKnn MOOCs bereits einstellen konnte, schießen zurzeit eine Reihe weiterer offener Kurse aus den Tiefen des Netzes hervor, so dass Interessenten wenig Chancen zur Planung haben und somit oftmals die Zeit fehlt :-(.

Was würde Sie besser machen, wenn Sie der Gastgeber des #ocwl11 wären?

Wünschenswert wäre sicher eine frühere Ankündigung eines solchen Angebotes ;-).

Um wertvolle Hinweise zur detaillierten Umsetzung geben zu können, habe ich mich zu wenig beteiligen können. Die Themen, die ich begleitet habe waren sehr gut vorbereitet, die externen Referenten und Paten waren passend ausgewählt und immer motiviert. Die technische Umsetzung ist weitgehend gelungen.

Es gäbe noch Einiges mehr zu dem aus meiner Sicht gelungenen Auftakt dieses innovativen hybriden Lernszenarios zu sagen, allerdings wie schon oben erwähnt sollte die Auswertung erst auf Basis einer qualifizierten Evaluation stattfinden. Dabei interessiert mich insbesondere die Frage an die Studierenden, wie hoch sie selbst die Reibungsverluste durch das Einarbeiten in die Instrumente des neuen Formates einschätzen. Umgekehrt natürlich, wurden durch das neue Format die Motivation und damit auch der Lernerfolg gesteigert? Insgesamt bin ich auf die Auswertung sehr gespannt und freue mich über Fragen und Kommentare.

Mehr Veränderungen beim Lernverhalten in den letzten 10 Jahren als in 1000 Jahren zuvor – alle im Wesentlichen bedingt durch technische Innovationen


Inspiriert durch den schönen Artikel von Donald Clark (special thanks to Donald Clark for the inspiring article!) reflektiere ich hier persönliche Erfahrungen. Auch aus meiner Sicht hat sich das Verhalten der Lerner ganz pragmatisch, vielerorts bereits irreversibel geändert, während an anderer Stelle intensiv darüber diskutiert wird, ob z.B. der Konnektivismus wirklich eine neue Lerntheorie ist oder eher doch nur eine pädagogische Sichtweise. Ich meine aus der Sicht der Lerner sind folgende Entwicklungen nicht mehr weg zu denken:

1. Asynchron und ubiquitär

Ob es jetzt um die lernortübergreifende Praxisbetreuung in dualen Studiengängen via Forum in einem LMS geht, oder eine Mathematikvorlesung via Video (Methode vgl. z.B. flipped classroom) am Lernort zu Hause vorbereitet wird, das asynchrone Lernen nimmt ständig weiter zu. Fast jeder Lerner hat inzwischen ein Smartphone und kann damit von überall, zu jeder Zeit auf Kurse, Wissen oder eine Vielzahl von Medien zugreifen. Auch im Kontext mit der realen Welt wird durch Applikationen zur erweiterten Realität (augmented Reality) in vielen Bereichen (vgl. z.B. Museum) ubiquitäres Lernen gefördert.

2. Links – Lernen läuft in der Regel nicht linear ab

Das eine, ideale Lehrbuch gab es im Studium nicht. Also wurde ein ganzer Bücherstappel auf dem Schreibtisch gebildet und dann noch das Fachlexikon und einige Journale hinzugezogen – die mit dem Lernen verbundene Recherche ist eben nicht linear. Wie schön, dass es im Web Hyperlinks gibt! In der Tat Wikipedia ist sicher eines der besten Beispiele, das ohne Links nicht funktionieren würde. Auch die gesamte Blogosphäre lebt von Hyperlinks.

3. Suchen und bewahren

Bevor Lerner heute in die Bibliothek gehen wird gegoogelt. Googeln als Verb für „mit Google im Internet suchen“ wurde bereits 2004 in die 23. Auflage des Rechtschreib-Duden aufgenommen. Nur ein kleiner Indiz für die Allgegenwärtigkeit dieses Konzerns, dessen Mission „Organize the world´s information …“ wohl niemand mehr anzweifelt. In jedem Fall ist es eines der wichtigsten Instrumente beim Lernen. Weitere Dienste, wie z.B. für das „Bookmarken“, das „Aufbewahren zum späteren Lesen“ oder die „Kurationsdienste“ helfen bei der Aufbewahrung und Pflege.

4. Wikipedia und vernetztes Lernen

Sicher das prominenteste Beispiel: Wikipedia! Wie konnte das passieren? Das größte Werk der Menschen entsteht parallel in x Sprachen, völlig freiwillig ohne, dass eine Institution dahinter steht und mit einem Abschluss versucht zu motivieren, ohne, dass die Arbeit vergütet wird…intrinschische Motivation etwa? In der neuen Kultur des Lernens, lernen die Menschen durch ihre Interaktion und Partizipation miteinander in „fließenden Beziehungen“, die das Ergebnis der gemeinsamen Interessen sind. In diesem Umfeld stehen alle Teilnehmer auf gleicher Ebene. Niemand hat die traditionelle Rolle des Lehrers oder Schülers. Auch der Qualitätsanspruch deutlich gewachsen, so dass die Inhalte in vielen Fällen (!) bereits wissenschaftlichen Ansprüchen genügen.

5. Chancen sozialer Netzwerke

Ob nun Fluch oder Segen Facebook, Google+ und andere soziale Netzwerke boomen. Neben dem Austausch von persönlichen Erfahrungen und Wissen werden inszwischen ganze Studiengänge via soziales Netzwerk betrieben. Der einfache Multiplikatoreffekt loser „Freundschaften“ führt zu einer neuen Form von Kollaboration mit der Chance sehr viel bessere Ergebnisse zu erzielen. Zum Beispiel hat dieser Effekt auch Auswirkungen auf Wissenschaft und Forschung, Stichwort öffentliche Wissenschaft. Während früher wissenschaftliche Arbeiten von ein oder zwei Experten begutachtet wurden, wird heute dazu übergegangen, wissenschaftliche Arbeiten ins Netz zu stellen und zwar mit der ausdrücklichen Aufforderung, dass möglichst viele Experten ein Feedback geben.

6. Blogs, Mikroblogs – Lesen und Texten

Durch Blogs, Mirkoblogs wird Lesen und Schreiben als soziale Aktivität wahrgenommen und führt in Verbindung mit neuen Endgeräten (Tablet-Computer) zu einer Renaissance des Lesens und Schreibens insbesondere bei der jüngeren Generation. Eine auch das gemeinsame Verfassen von Texten wird durch die instantane Feedbackmöglichkeit gefördert. In der Tat ist dabei ein interessantes Phänomen, dass die Textnachricht gegenüber einem persönlichen Gespräch (z.B. auch via Skype) oftmals bevorzugt wird, was sicher unterschiedliche Gründe haben mag, z.B. auch Asynchronität.

7. Pod- und Vodcasting

Noch nie war es so einfach “selbst auf Sendung zu gehen”. YouTube ist nicht nur die zweitgrößte Suchmaschine sondern hat auch die Art und Weise des Lernens enorm geändert. Neben dem vielzitierten Beispiel der Kahn Academy, gibt es eine Reihe sehr erfolgreicher deutscher YouTube Kanäle wie zum Beispiel den von Prof. Jörn Loviscach, der mit heutigem Stand auch bereits ca. 4,2 Millionen Videoaufrufe verzeichnen kann – also offensichtlich gibt es dafür einen großen Bedarf, denn dabei geht es nicht um Funvideos sondern um Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften allgemein.

8. Spielend Lernen

Spielen als Synonym für anspruchsvolle Erlebnispädagogik oder genauer “Game-based Learning” oder “Serious Games” sind heute wichtige Forschungsthemen (vgl. z.B. Überblick in L3T Son Le und Peter Weber). Geschicktes didaktisches Design kann den vermeintlichen Lerner quasi überlisten, so dass dieser nicht notwendigerweise merkt, dass er lernt. Die Vernetzung spielend Lernender in sogenannten Social Games führt neben dem Spaß des Spielens an sich zu einer weiteren sozialen Motivation, insbesondere im Wettbewerb ums Gewinnen oder das gemeinsame Entwickeln von Strategien.

9. Anwendungen und Werkzeuge (Apps and Tools)

„Dafür gibt es bestimmt eine App…“, hört man inzwischen nicht nur von flippigen Smartphone Besitzern. Heute sind es zwar bei den meisten „Informationsarbeitern“ immer noch die Office-Tools, wie Textverarbeitung-, Tabellenkalkulation- und Präsentationssoftware, die im täglichen Einsatz genutzt werden. Mit zunehmender Mobilität der Arbeitsplätze und der Endgeräte werden sich die Werkzeuge in die Cloud bewegen und wiederum ubiquitär verfügbar sein.

10. Offene Bildungsresourcen (OER)

Als vor gut 10 Jahren das MIT mit seiner Initiative „MIT OpenCourseWare“ ins Netz ging, waren doch viele Hochschulangehörige angesichts des Urheberrechts sehr überrascht. Die Vorstellung als Institution ihr Kowhow frei zur Verfügung zu stellen war bis dahin eher ungewöhnlich. Inzwischen hat ein Umdenken stattgefunden und es gibt zahlreiche weitere Hochschulen, die ihre Kurse offen ins Netz gestellt haben. Das Thema Urheberrecht ist noch nicht abschließend diskutiert, aber es gibt eine Reihe von Initiativen und die Deutsche UNESCO-Kommission hat vor kurzem einen Leitfaden zum rechtssicheren Umgang mit Open Content Lizenzen veröffentlicht – eine erfreuliche Entwicklung gerade aus der Perspektive der Lerner.

Fazit

Der Einsatz sämtlicher Instrumente für das Lernen erfordert durchaus ein hohes Maß an Medienkompetenz (z.B. wie prüfe ich die Validität gefundener Informationen?), auch wenn es daran oftmals noch mangelt, das Verhalten der Lerner hat sich de facto entscheidend geändert und wird sich weiter mit der Entwicklung technischer Innovationen ändern. Was machen die Kindergärten, Schulen, Hochschulen und Bildungseinrichtungen daraus? Wie gehen sie damit um? Wie wird sich die Ausbildung für Erzieher, Lehrer und Trainer ändern? Welche neuen professionellen Intelligenzen bzw. Kompetenzen brauchen wir, um dieses neue Lernverhalten zu fördern? Fragen über Fragen. Auch Anfang des Jahres gehen mir die Fragen nicht aus, freilich vollständige Antworten hat wohl noch niemand parat – ich freue mich auf anregende Diskussionen.